Tao Te Ching Online (English)

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Das Tao Te King von
Lao Tse
Übertragung aus dem Chinesischen
ins Deutsche von
Richard Wilhelm
Vorwort
Was wir von dem Verfasser der vorliegenden Aphorismensammlung
historisch Beglaubigtes wissen, geht sehr eng zusammen. Es ist so wenig, daß die
Kritik vielfach gar nichts mehr davon bemerkte und ihm samt seinem Werk im
Gebiet der Mythenbildung den Platz anwies. Der Name Laotse, unter dem er in
Europa bekannt ist, ist gar kein Eigenname, sondern ein Appellativum und wird am
besten übersetzt mit "der Alte". Laotse stammt wohl aus der heutigen Provinz
Honan, der südlichsten der sogenannten Nordprovinzen, und mag wohl ein halbes
Jahrhundert älter gewesen sein als Kung (Konfuzius), so daß seine Geburt auf das
Ende des 7. vorchristlichen Jahrhunderts fällt. Im Lauf der Zeit hatte er am
kaiserlichen Hof, der damals in Loyang (in der heutigen Provinz Honan) war, ein
Amt als Archivar bekleidet.
Als die öffentlichen Zustände sich so verschlimmerten, daß keine
Aussicht auf die Herstellung der Ordnung mehr vorhanden war, soll Laotse sich
zurückgezogen haben. Als er an den Grenzpaß Han Gu gekommen sei, nach späterer
Tradition auf einem schwarzen Ochsen reitend, habe ihn der Grenzbeamte Yin Hi
gebeten, ihm etwas Schriftliches zu hinterlassen. Darauf habe er den Tao te
king, bestehend aus mehr als 5000 chinesischen Zeichen, niedergeschrieben und
ihm übergeben. Dann sei er nach Westen gegangen, kein Mensch weiß wohin.
Daß auch an diese Erzählung sich die Sage geknüpft hat, die Laotse
nach Indien führte und dort mit dem Buddha in Berührung kommen ließ, ist
verständlich. Irgendeine persönliche Berührung zwischen Laotse und Buddha ist
jedoch vollkommen ausgeschlossen. Man hat da spätere Umstände in das historische
Bild zurückgetragen.
In der Han-Dynastie wenden sich mehrere Kaiser dem Studium des Tao
te king zu, so besonders Han Wen Di (197-157 v. Chr.), dessen friedliche und
einfache Regierungsart als direkte Frucht der Lehren des alten Weisen bezeichnet
wird. Sein Sohn Han Ging Di (156-140 v. Chr.) legt endlich dem Buch die
Bezeichnung "Tao te king" (Dau De Ging, d.h. "das klassische Buch vom Sinn und
Leben") bei, die es seither in China behalten hat.
Die ganze Metaphysik des Tao te king ist aufgebaut auf einer
grundlegenden Intuition, die der streng begrifflichen Fixierung unzugänglich ist
und die Laotse, um einen Namen zu haben, "notdürftig" mit dem Worte TAO (sprich:
Dau) bezeichnet. In Beziehung auf die richtige Übersetzung dieses Wortes
herrschte von Anfang an viel Meinungsverschiedenheit. "Gott", "Weg", "Vernunft",
"Wort" sind nur ein paar der vorgeschlagenen Übersetzungen, während ein Teil der
Übersetzer einfach das "Tao" unübertragen in die europäischen Sprachen
herübernimmt. Im Grunde genommen kommt auf den Ausdruck wenig an, da er ja auch
für Laotse selbst nur sozusagen ein algebraisches Zeichen für etwas
Unaussprechliches ist. Es sind im wesentlichen ästhetische Gründe, die es
wünschenswert erscheinen lassen, in einer deutschen Übersetzung ein deutsches
Wort zu haben. Es wurde von uns durchgängig das Wort Sinn gewählt. Um hier
gleich die Übersetzung des immer wiederkehrenden Wortes TE (sprich: De) zu
rechtfertigen, so sei bemerkt, daß die chinesische Definition desselben lautet:
"Was die Wesen erhalten, um zu entstehen, heißt De." Wir haben das Wort daher
mit Leben übersetzt.
Kein einziger historischer Name ist in Laotses ganzem Büchlein
genannt. Er will gar nicht in der Zeitlichkeit wirken. Darum verschwimmt er für
das historisch gerichtete China in nebelhafte Fernen, da ihm niemand zu folgen
vermag. Und eben das ist der Grund, warum er in Europa so große Wirkungen ausübt
trotz des räumlichen und zeitlichen Abstands, der ihn von uns trennt.
Er hat für sich einen Blick getan in die großen Weltzusammenhänge
und hat, was er geschaut, mühsam in Worte gebracht, es gleichgesinnten Geistern
der späteren Zeit überlassend, selbständig seinen Andeutungen nachzugehen und im
Weltzusammenhang selbst die Wahrheiten zu schauen, die er entdeckt. Es hat zu
allen Zeiten einzelne Denker gegeben, die unter den vergänglichen Erscheinungen
des menschlichen Lebens den Blick erhoben zu dem ewigen Sinn des Weltgeschehens,
dessen Größe alles Denken übersteigt, und die darin Ruhe gefunden haben und
Leichtigkeit, die es ihnen ermöglichte, den sogenannten Ernst des Lebens nicht
mehr so gar ernst zu nehmen, weil ihm kein wesentlicher Wert an und für sich
innewohnt.
Es ist ein Zeichen für die Höhe des Standpunkts von Laotse, daß er
sich auf Andeutungen des Unaussprechlichen beschränkt, deren Verfolg jedem
einzelnen überlassen bleiben mag.
Richard Wilhelm

Kapitel 1
Der Sinn, der sich aussprechen läßt,
ist nicht des ewige
Sinn.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige
Name.
"Nichtsein" nenne ich den Anfang von Himmel und Erde,
"Sein" nenne
ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das
Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das
Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem
Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt
es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor,
durch das alle Wunder hervortreten.

Kapitel
2
Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkenne,
so
ist dadurch schon das Häßliche gesetzt.
Wenn auf Erden alle das Gute als gut
erkennen,
so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt.
Denn Sein und
Nichtsein erzeugen einander.
Schwer und Leicht vollenden einander.
Lang
und Kurz gestalten einander.
Hoch und Tiefverkehren einander.
Stimme und
Ton sich vermählen einander.
Vorher und Nachher folgen einander.
Also auch der Berufene:
Er verweilt im Wirken ohne
Handeln.
Er übt Belehrung ohne Reden.
AlIe Wesen treten hervor,
und er
verweigert sich ihnen nicht.
Er erzeugt und besitzt nicht.
Er wirkt und
behält nicht.
Ist das Werk vollbracht,
so verharrt er nicht dabei,
Und
eben weil er nicht verharrt,
bleibt er nicht verlassen.

Kapitel
3
Die Tüchtigen nicht bevorzugen,
so macht man, daß das Volk
nicht streit.
Kostbarkeiten nicht schätzen,
so macht man, daß das Volk
nicht stiehlt.
Nichts Begehrenswertes zeigen,
so macht man, daß des Volkes
Herz nicht wirr wird.
Darum regiert der Berufene also:
Er leert ihre Herzen und
füllt ihren Leib.
Er schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen
und
macht, daß das Volk ohne Wissen
und ohne Wunsche bleibt,
md sorgt
dafür,
daß jene Wissenden nicht zu handeln wagen.
er macht das
Nichtmachen,
so kommt alles in Ordnung.

Kapitel
4
Der Sinn ist immer strömend.
Aber es läuft in seinem
Wirken doch nie über.
Ein Abgrund ist er, wie der Ahn aller Dinge.
Er
mildert ihre Schärfe.
Er löst ihre Wirrsale.
Er mäßigt ihren Glanz.
Er
vereinigt sich mit ihrem Staub.
Tief ist er und doch wie wirklich.
Ich
weiß nicht, wessen Sohn er ist.
Er scheint früher zu sein als Gott.

Kapitel
5
Himmel und Erde sind nicht gütig.
Ihnen sind die
Menschen wie stroherne Opferhunde,
Der Berufene ist nicht gütig.
Ihm sind
die Menschen wie stroherne Opferhunde.
Der Zwischenraum zwischen Himmel und
Erde
ist wie eine Flöte,
leer und fällt doch nicht zusammen;
bewegt
kommt immer mehr daraus hervor.
Aber viele Worte erschöpfen sich
daran.
Besser ist es, das Innere zu bewahren.

Kapitel
6
Der Geist des Tals stirbt nicht,
das heißt das dunkle
Weib.
Das Tor des dunklen Weibs,
das heißt die Wurzel von Himmel und
Erde.
Ununterbrochen wie beharrend
wirkt es ohne Mühe.

Kapitel
7
Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd.
Sie sind
dauernd und ewig,
weil sie nicht sich selber leben.
Deshalb können sie
ewig leben.
Also auch der Berufene:
Es setzt sein Selbst hintan,
und
sein Selbst kommt voran.
Es entäußert sich seines Selbst,
und sein Selbst
bleibt erhalten.
Ist es nicht also:
Weil er nichts Eigenes will,
darum
wird sein Eigenes vollendet?

Kapitel
8
Höchste Gute ist wie das Wasser.
Des Wassers Güte ist
es,
allen Wesen zu nützen ohne Streit.
Es weilt an Orten, die alle
Menschen verachten.
Drum steht es nahe dem Sinn.
Beim Wohnen zeigt sich
die Güte an dem Platze.
Beim Denken zeigt sich die Güte in der Tiefe.
Beim
Schenken zeigt sich die Güte in der Liebe.
Beim Reden zeigt sich die Güte in
der Wahrheit.
Beim Walten zeigt sich die Güte in der Ordnung,
Beim Wirken
zeigt sich die Güte im Können.
Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der
rechten Zeit.
Wer sich nicht selbst behauptet,
bleibt eben dadurch frei
von Tadel.
Kapitel
9
Etwas festhalten wollen und dabei es überfüllen:
das
lohnt der Mühe nicht.
Etwas handhaben wollen und dabei es immer scharf
halten:
das läßt sich nicht lange bewahren.
Mit Gold und Edelsteinen
gefüllten Saal
kann niemand beschützen.
Reich und vornehm und dazu
hochmütig sein:
das zieht von selbst das Unglück herbei.
Ist das Werk
vollbracht, dann sich zurückziehen:
das ist des Himmels Sinn.

Kapitel
10
Kannst du deine Seele bilden, daß sie das Eine
umfängt,
ohne sich zu zerstreuen?
Kannst du deine Kraft einheitlich
machen
und die Weichheit erreichen,
daß du wie ein Kindlein
wirst?
Kannst du dein geheimes Schauen so reinigen,
daß es frei von
Flecken wird?
Kannst du die Menschen lieben und den Staat lenken,
daß du
ohne Wissen bleibst?
Kannst du, wenn des Himmels Pfosten
sich öffnen und
schließen,
wie eine Henne sein?
Kannst du mit deiner inneren Klarheit und
Reinheit
alles durchdringen, ohne des Handelns zu bedürfen?
Erzeugen und
ernähren,
erzeugen und nicht besitzen
wirken und nicht behalten,
mehren
und nicht beherrschen:
das ist geheimes Leben.
Kapitel
11
Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
In ihrem Nichts
besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem
Nichts besteht des Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer
werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum
Werk.
Kapitel
12
Die fünferlei Farben machen der Menschen Augen
blind.
Die fünferlei Töne machen der Menschen Ohren taub.
Die fünferlei
Würzen machen der Menschen Gaumen schal
Rennen und Jagen machen der Menschen
Herzen toll.
Seltene Güter machen der Menschen Wandel wirr.
Darum wirkt der Berufene für den Leib und nicht fürs Auge.
Er
entfernt das andere und nimmt dieses.

Kapitel
13
Gnade ist beschämend wie ein Schreck.
Ehre ist ein
großes Übel wie die Person.
Was heißt das : "Gnade ist beschämend wie ein
Schreck"?
Gnade ist etwas Minderwertiges.
Man erlangt sie und ist wie
erschrocken.
Man verliert sie und ist wie erschrocken.
Das heißt: "Gnade
ist beschämend wie ein Schreck".
Was heißt das: "Ehre ist un großes Übel wie
die Person"?
Der Grund, warum ich große Übel erfahre, ist,
daß ich eine
Person habe.
Habe ich keine Person,
was für Übel konnte ich dann
erfahren?
Darum: Wer in seiner Person die Welt ehrt,
dem kann man wohl
die Welt anvertrauen.
Wer in seiner Person die Welt liebt,
dem kann man
wohl die Welt übergeben.

Kapitel
14
Man schaut nach ihm und sieht es nicht:
Sein Name ist
Keim.
Man horcht nach ihm und hört es nicht:
Sein Name ist Fein.
Man
faßt nach ihm, und fühlt es nicht,
Sein Name ist Klein.
Diese drei kann
man nicht trennen,
darum bilden sie vermischt Eines.
Sein Oberes ist nicht
licht,
sein Unteres ist nicht dunkel.
Ununterbrochen quellend,
kann man
es nicht nennen.
Er kehrt wieder zurück zum Nichtwesen.
Das heißt die
gestaltlose Gestalt,
das dinglose Bild.
Das heißt das dunkel
Chaotische.
Ihm entgegengehend sieht man nicht sein Antlitz,
ihm folgend
sieht man nicht seine Rückseite.
Wenn man festhält den Sinn des
Altertums,
um zu beherrschen das Sein von heute,
so kann man den alten
Anfang wissen.
Das heißt des SinnS durchgehender Faden.

Kapitel
15
Die vor alters tüchtig waren als Meister,
waren im
Verborgenen eins mit den unsichtbaren Kräften
Tief waren sie, so daß man sie
nicht kennen kann.
Weil man sie nicht kennen kann,
darum kann man nur mit
Mühe ihr Äußeres beschreiben.
Zögernd, wie wer im Winter einen Fluß
durchschreitet,
vorsichtig, wie wer von allen Seiten Nachbarn
fürchtet,
zurückhaltend wie Gäste,
vergehend wie Eis, das am Schmelzen
ist,
einfach, wie unbearbeiteter Stoff,
weit waren sie, wie das
Tal,
undurchsichtig waren sie, wie das Trübe.
Wer kann (wie sie) das Trübe
durch Stille allmählich klären?
Wer kann (wie sie) die Ruhe
durch Dauer
allmählich erzeugen?
Wer diesen Sinn bewahrt,
begehrt nicht Fülle.
Denn
nur weil er keine Fülle hat,
darum kann er gering sein,
das Neue
meiden
und die Vollendung erreichen.
Kapitel
16
Schaffe Leere bis zum Höchsten!
Wahre die Stille bis zum
Völligsten!
Alle Dinge mögen sich dann zugleich erheben.
Ich schaue, wie
sie sich wenden.
Die Dinge in all ihrer Menge,
ein jedes kehrt zurück zu
seiner Wurzel.
Rückkehr zur Wurzel heißt Stille.
Stille heißt Wendung zum
Schicksal.
Wendung zum Schicksal heißt Ewigkeit.
Erkenntnis der Ewigkeit
heißt Klarheit.
Erkennt man das Ewige nicht,
so kommt man in Wirrnis und
Sünde.
Erkennt man das Ewige,
so wird man duldsam.
Duldsamkeit führt
zur Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit führt zur Herrschaft.
Herrschaft führt
zum Himmel.
Himmel führt zum Sinn.
Sinn führt zur Dauer.
Sein Leben
lang kommt man nicht in Gefahr.
Kapitel
17
Herrscht ein ganz Großer,
so weiß das Volk kaum, daß er da
ist.
Mindere werden geliebt und gelobt,
noch Mindere werden
gefürchtet,
noch Mindere werden verachtet.
Wie überlegt muß man sein in
seinen Worten!
Die Werke sind vollbracht, die Geschäfte gehen ihren
Lauf,
und die Leute denken alle:
"Wir sind frei."
Kapitel
18
Geht der große Sinn zugrunde,
so gibt es Sittlichkeit und
Pflicht.
Kommen Klugheit und Wissen auf,
so gibt es die großen
Lügen.
Werden die Verwandten uneins,
so gibt es Kinderpflicht und
Liebe.
Geraten die Staaten in Verwirrung,
so gibt es die treuen
Beamten.

Kapitel
19
Tut ab die Heiligkeit, werft weg das Wissen,
so wird das
Volk hundertfach gewinnen.
Tut ab die Sittlichkeit, werft weg die
Pflicht,
so wird das Volk zurückkehren zu Kinderpflicht und Liebe.
Tut ab
die Geschicklichkeit, werft weg den Gewinn,
so wird es Diebe und Räuber nicht
mehr geben.
In diesen drei Stücken
ist der schöne Schein nicht
ausreichend.
Darum sorgt, daß die Menschen sich an etwas halten
können,
Zeigt Einfachheit, haltet fest die Lauterkeit!
Mindert
Selbstsucht, verringert die Begierden!
Gebt auf die Gelehrsamkeit!
So
werdet ihr frei von Sorgen.
Kapitel
20
Zwischen "Gewiß" und "Jawohl":
was ist da für ein
Unterschied?
Zwischen "Gut" und "Böse":
was ist da für ein
Unterschied?
Was die Menschen ehren, muß man ehren.
O Einsamkeit, wie
lange dauerst Du?
Alle Menschen sind so strahlend,
als ginge es zum großen
Opfer,
als stiegen sie im Frühling auf die Türme.
Nur ich bin so zögernd,
mir ward noch kein Zeichen,
wie ein Säugling, der noch nicht lachen
kann,
unruhig, umgetrieben als hätte ich keine Heimat.
Alle Menschen haben
Überfluß;
nur ich bin wie vergessen.
Ich habe das Herz eines Toren, so
wirr und dunkel.
Die Weltmenschen sind hell, ach so hell;
nur ich bin wie
trübe.
Die Weltmenschen sind klug, ach so klug;
nur ich bin wie
verschlossen in mir,
unruhig, ach, als wie das Meer,
wirbelnd, ach, ohne
Unterlaß.
Alle Menschen haben, ihre Zwecke;
nur ich bin müßig wie ein
Bettler.
Ich allein bin anders als die Menschen:
Doch ich halte es
wert,
Nahrung zu suchen bei der Mutter.

Kapitel
21
Des großen Lebens Inhalt
folgt ganz dem Sinn.
Der Sinn
bewirkt die Dinge
so chaotisch, so dunkel.
Chaotisch, dunkel
sind in
ihm Bildes.
Dunkel, chaotisch
sind in ihm Dinge.
unergründlich
finster
ist in ihm Same.
Dieser Same ist ganz wahr.
In ihm ist
Zuverlässigkeit.
Von alters bis heute
sind die Namen nicht zu
entbehren,
um zu überschauen alle Dinge.
Woher weiß ich aller Dinge
Art?
Eben durch sie.
Kapitel
22
Was halb ist, wird ganz werden.
Was krumm ist, wird gerade
werden.
Was leer ist, wird voll werden.
Was alt ist, wird neu
werden.
Wer wenig hat, wird bekommen.
Wer viel hat, wird benommen.
Also auch der Berufene:
Es umfaßt das Eine
und ist der
Welt Vorbild.
Er will nicht selber scheinen,
darum wird er
erleuchtet.
Er will nichts selber sein,
darum wird es herrlich.
Er
rühmt sich selber nicht,
darum vollbringt er Werke.
Er tut sich nicht
selber hervor,
darum wird es erhoben.
Denn wer nicht streitet,
mit dem
kann niemand auf der Welt streiten.
Was die Alten gesagt: "Was halb ist, soll
voll werden",
ist fürwahr kein leeres Wort.
Alle wahre Vollkommenheit ist
darunter befaßt.

Kapitel
23
Macht selten die Worte,
dann geht alles von selbst.
Ein
Wirbelsturm dauert keinen Morgen lang.
Ein Platzregen dauert keinen
Tag.
Und wer wirkt diese?
Himmel und Erde.
Was nun selbst Himmel und
Erde nicht dauernd vermögen,
wieviel weniger kann das der Mensch?
Darum: Wenn du an dein Werk gehst mit dem Sinn,
so wirst du
mit denen, so den Sinn haben, eins im Sinn,
mit denen, so das Leben haben,
eins im Leben,
mit denen, so arm sind, eins in ihres Armut.
Bist du eins
mit ihnen im Sinn,
so kommen dir die, so den Sinn haben,
auch freudig
entgegen.
Bist du eins mit ihnen im Leben,
so kommen dir die, so das Leben
haben,
auch freudig entgegen.
Bist du eins mit ihnen in ihrer Armut,
so
kommen dir die, so da arm sind, auch freudig entgegen.
Wo aber der Glaube
nicht stark genug ist,
da findet man keinen Glauben.
Kapitel
21
Wer auf den Zehen steht,
steht nicht fest.
Wer mit
gespreizten Beinen geht,
kommt nicht voran.
Wer selber scheinen
will,
wird nicht erleuchtet.
Wer selber etwas sein will,
wird nicht
herrlich.
Wer selber sich rühmt,
vollbringt nicht Werke.
Wer selber
sich hervortut,
wird nicht erhoben.
Er ist für den Sinn wie Küchenabfall
und Eiterbeulen.
Und auch die Geschöpfe alle hassen ihn.
Darum: Wer den
Sinn hat,
weilt nicht dabei.
Kapitel
25
Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.
Bevor
der Himmel und die Erde waren, ist es schon da,
so still, so
einsam.
Allein steht es und ändert sich nicht.
Im Kreis läuft es und
gefährdet sich nicht.
Man kann es nennen die Mutter der Welt
Ich weiß
nicht seinen Namen.
Ich bezeichne es als Sinn.
Mühsam einen Namen ihm
gebend,
nenne ich es: groß.
Groß, das heißt immer bewegt.
Immer bewegt,
das heißt ferne.
Ferne, das heißt zurückkehrend.
So ist der Sinn groß, der
Himmel groß, die Erde groß,
und auch des Mensch ist groß.
Vier Große gibt
es im Raume,
und der Mensch ist auch darunter.
Der Mensch richtet sich
nach der Erde.
Die Erde richtet sich nach dem Himmel.
Der Himmel richtet
sich nach dem Sinn.
Der Sinn richtet sich nach sich selber.

Kapitel
26
Das Gewichtige ist des Leichten Wurzel.
Die Stille ist der
Unruhe Herr.
Also auch der Berufene:
Er wandert den ganzen Tag,
ohne
sich vom schweren Gepäck zu trennen.
Mag er auch alle Herrlichkeiten vor
Augen haben:
Es weilt zufrieden in seiner Einsamkeit.
Wieviel weniger erst
darf der Herr des Reiches
in seiner Person den Erdkreis leicht
nehmen!
Durch Leichtnehmen verliert man die Wurzel.
Durch Unruhe verliert
man die Herrschaft.
Kapitel
27
Ein guter Wanderer läßt keine Spur zurück.
Ein gutes Redner
braucht nichts zu widerlegen.
Ein guter Rechner braucht keine
Rechenstäbchen.
Ein gutes Schließer braucht nicht Schloß noch
Schlüssel,
und doch kann niemand auftun.
Ein guter Binder braucht nicht
Strick noch Bänder,
und doch kann niemand lösen.
Der Berufene versteht es
immer gut, die Menschen zu retten;
darum gibt es für ihn keine verworfenen
Menschen.
Er versteht es immer gut, die Dinge zu retten;
darum gibt es für
ihn keine verworfenen Dinge.
Das heißt die Klarheit erben.
So sind die
guten Menschen die Lehrer der Nichtguten,
und die nichtguten Menschen sind
der Stoff für die Guten.
Wer seine Lehrer nicht werthielte
und seinen
Stoff nicht liebte,
der wäre bei allem Wissen in schwerem Irrtum.
Das ist
das große Geheimnis.
Kapitel
28
Wer seine Mannheit kennt
und seine Weibheit wahrt,
der ist
die Schlucht der Welt.
Ist er die Schlucht des Welt,
so verläßt ihn nicht
das ewige Leben,
und er wird wieder wie ein Kind.
Wer seine Reinheit kennt
und seine Schwäche wahrt,
ist
Vorbild für die Welt.
Ist Vorbild er der Welt,
so weicht von ihm nicht das
ewige Leben,
und er kehrt wieder zum Ungewordenen um.
Wer seine Ehre kennt
und seine Schmach bewahrt,
der ist
das Tal der Welt.
Ist es das Tal der Welt,
so hat er Genüge am ewigen
Leben,
und er kehrt zurück zur Einfalt.
Ist die Einfalt zerstreut, so gibt es "brauchbare"
Menschen.
Übt der Berufene sie aus, so wird er der Herr der
Beamten.
Darum: Großartige Gestaltung
bedarf nicht des
Beschneidens.

Kapitel
29
Die Welt erobern und behandeln wollen,
ich habe erlebt, daß
das mißlingt.
Die Welt ist ein geistiges Ding,
das man nicht behandeln
darf.
Wer sie behandelt, verdirbt sie,
wer sie festhalten will, verliert
sie.
Die Dinge gehen bald voran, bald folgen sie,
bald hauchen sie warm,
bald blasen sie kalt,
bald sind sie stark, bald sind sie dünn,
bald
schwimmen sie oben, bald stürzen sie.
Darum meidet der Berufene
das
Zusehr, das Zuviel, das Zugroß.
Kapitel
30
Wer im rechten Sinn einem Menschenherrscher
hilft,
vergewaltigt nicht durch Waffen die Welt,
denn die Handlungen
kommen auf das eigene Haupt zurück.
Wo die Heere geweilt haben, wachsen
Disteln und Dornen.
Hinter den Kämpfen her kommen immer Hungerjahre.
Darum
sucht der Tüchtige nur Entscheidung, nichts weiter;
er wagt nicht, durch
Gewalt zu erobern.
Entscheidung, ohne sich zu brüsten,
Entscheidung, ohne
sich zu rühmen,
Entscheidung, ohne stolz zu sein,
Entscheidung, weil's
nicht anders geht,
Entscheidung, ferne von Gewalt.
Kapitel
31
Waffen sind unheilvolle Geräte,
alle Wesen hassen sie
wohl.
Darum will der, der den rechten Sinn hat,
nichts von ihnen
wissen.
Der Edle in seinem gewöhnlichen Leben
achtet die Linke als
Ehrenplatz.
Beim Waffenhandwerk
ist die Rechte der Ehrenplatz.
Die
Waffen sind unheilvolle Geräte,
nicht Geräte für den Edlen.
Nur wenn es
nicht anders kann, gebraucht er sie.
Ruhe und Frieden sind ihm das
Höchste.
Er siegt, aber er freut sich nicht daran.
Wer sich daran freuen
wollte,
würde sich ja des Menschenmordes freuen.
Wer sich des
Menschenmordes freuen wollte,
kann nicht sein Ziel erreichen in der
Welt.
Bei Glücksfällen achtet man die Linke als Ehrenplatz.
Bei
Unglücksfällen achtet man die Rechte als Ehrenplatz.
Der Unterfeldherr steht
zur Linken,
der Oberführer steht zur Rechten.
Das heißt, er nimmt seinen
Platz ein
nach dem Brauch der Trauerfeiern.
Menschen töten in großer
Zahl,
das soll man beklagen mit Tränen des Mitleids.
Der im Kampfe
gesiegt,
der soll wie bei eines Trauerfeier weilen.
Kapitel
32
Der Sinn als Ewiger ist namenlose Einfalt.
Obwohl
klein,
wagt die Welt ihn nicht zum Diener zu machen.
Wenn Fürsten und
Könige ihn so wahren könnten,
so würden alle Dinge sich als Gäste
einstellen.
Himmel und Erde würden sich vereinen,
um süßen Tau zu
träufeln.
Das Volk würde ohne Befehle
von selbst ins Gleichgewicht
kommen.
Wenn die Gestaltung beginnt,
dann erst gibt es Namen.
Die Namen
erreichen auch das Sein,
und man weiß auch noch, wo haltzumachen ist.
Weiß
man, wo haltzumachen ist,
so kommt man nicht in Gefahr.
Man kann das
Verhältnis des SinnS zur Welt vergleichen
mit den Bergbächen und
Talwassern,
die sich in Ströme und Meere ergießen.
Kapitel
33
Wer andre kennt, ist klug.
Wer sich selber kennt, ist
weise.
Wer andere besiegt, hat Kraft.
Wer sich selber besiegt, ist
stark.
Wer sich durchsetzt, hat Willen.
Wer sich genügen läßt, ist
reich.
Wer seinen Platz nicht verliert, hat Dauer.
Wer auch im Tode nicht
untergeht, der lebt.
Kapitel
34
Der große Sinn ist überströmend;
er kam zur Rechten sein und
zur Linken.
Alle Dinge verdanken ihm ihr Dasein,
und er verweigert sich
ihnen nicht.
Ist das Werk vollbracht,
so heißt er es nicht seinen
Besitz.
Er kleidet und nährt alle Dinge
und spielt nicht ihren
Herrn.
Sofern er ewig nicht begehrend ist,
kann man ihn als klein
bezeichnen.
Sofern alle Dinge von ihm abhängen,
ohne ihn als Herrn zu
kennen,
kann man ihn als groß bezeichnen.
Also auch der Berufene:
Niemals macht es sich groß;
darum
bringt er sein Großes Werk zustande.
Kapitel
35
Wer festhält das große Urbild,
zu dem kommt die Welt.
Sie
kommt und wird nicht verletzt,
in Ruhe, Gleichheit und Seligkeit.
Musik und Köder:
Sie machen wohl den Wanderer auf seinem Wege
anhalten.
Der Sinn geht aus dem Munde hervor,
milde und ohne
Geschmack.
Du blickst nach ihm und siehst nichts Sonderliches.
Du horchst
nach ihm und hörst nichts Sonderliches.
Du handelst nach ihm und findest kein
Ende.

Kapitel 36
Was du zusammendrücken willst,
das mußt du erst richtig sich
ausdehnen lassen.
Was du schwächen willst,
das mußt du erst richtig stark
werden lassen.
Was du vernichten willst,
das mußt du erst richtig
aufblühen lassen.
Wem du nehmen willst,
dem mußt du erst richtig
geben.
Das heißt Klarheit über das Unsichtbare.
Das Weiche siegt über das
Harte.
Das Schwache siegt über das Starke.
Den Fisch darf man nicht der
Tiefe entnehmen.
Des Reiches Förderungsmittel
darf man nicht den Leuten
zeigen.
Kapitel
37
Der Sinn ist ewig ohne Machen,
und nichts bleibt
ungemacht.
Wenn Fürsten und Könige ihn zu wahren verstehen,
so werden alle
Dinge sich von selber gestalten.
Gestalten sie sich und es erheben sich die
Begierden,
so würde ich sie bannen durch namenlose Einfalt.
Namenlose
Einfalt bewirkt Wunschlosigkeit.
Wunschlosigkeit macht still,
und die Welt
wird von selber recht.
Kapitel
38
Wer das Leben hochhält,
weiß nichts vom Leben;
darum hat
er Leben.
Wer das Leben nicht hochhält,
sucht das Leben nicht zu
verlieren;
darum hat er kein Leben.
Wer das Leben hochhält,
handelt
nicht und hat keine Absichten.
Wer das Leben nicht hochhält,
handelt und
hat Absichten.
Wer die Liebe hochhält, handelt, aber hat keine
Absichten.
Wer die Gerechtigkeit hochhält, handelt und hat Absichten.
Wer
die Sitte hochhält, handelt,
und wenn ihm jemand nicht erwidert,
so
fuchtelt er mit den Armen und holt ihn heran.
Darum: Ist des Sinn verloren,
dann das Leben.
Ist das Leben verloren, dann die Liebe.
Ist die Liebe
verloren, dann die Gerechtigkeit.
Ist die Gerechtigkeit verloren, dann die
Sitte.
Die Sitte ist Treu und Glaubens Dürftigkeit
und der Verwirrung
Anfang.
Vorherwissen ist des SinnES Schein
und der Torheit
Beginn.
Darum bleibt der rechte Mann beim Völligen
und nicht beim
Dürftigen.
Er wohnt im Sein und nicht im Schein.
Er tut das andere ab und
hält sich an dieses.

Kapitel
39
Die einst das Eine erlangten:
Der Himmel erlangte das Eine
und wurde rein.
Die Erde erlangte das Eine und wurde fest.
Die Götter
erlangten das Eine und wurden mächtig.
Das Tal erlangte das Eine und erfüllte
sich.
Alle Dinge erlangten das Eine und entstanden.
Könige und Fürsten
erlangten das Eine
und wurden das Vorbild der Welt.
Das alles ist durch
das Eine bewirkt.
Wäre der Himmel nicht rein dadurch, so müßte er
bersten.
Wäre die Erde nicht fest dadurch, so müßte sie wanken.
Wären die
Götter nicht mächtig dadurch,
so müßten sie erstarren.
Wäre das Tal nicht
erfüllt dadurch,
so müßte es sich erschöpfen.
Wären alle Dinge nicht
erstanden dadurch,
so müßten sie erlöschen.
Wären die Könige und Fürsten
nicht erhaben dadurch,
so müßten sie stürzen.
Darum: Das Edle hat das Geringe zur Wurzel,
Das Hohe hat das
Niedrige zur Grundlage.
Also auch die Fürsten und Könige:
Sie nennen sich, "Einsam",
"Verwaist", "Wenigkeit".
Dadurch bezeichnen sie das Geringe als ihre
Wurzel.
Oder ist es nicht so?
Denn: Ohne die einzelnen Bestandteile eines
Wagens
gibt es keinen Wagen.
Wünsche nicht das glänzende Gleißen des
Juwels,
sondern die rohe Rauheit des Steins.
Kapitel 40
Rückkehr ist die Bewegung des SinnS.
Schwachheit ist die
Wirkung des SinnS.
Alle Dinge unter dem Himmel entstehen im Sein.
Das Sein
entsteht im Nichtsein.
Kapitel
41
Wenn ein Weiser höchster Art vom Sinn hört,
so ist er eifrig
und tut danach.
Denn ein Weiser mittlerer Art vom Sinn hört,
so glaubt er
halb, halb zweifelt er.
Wenn ein Weiser niedriger Art vom Sinn hört,
so
lacht es laut darüber.
Wenn er nicht laut lacht,
so was es noch nicht der
eigentliche Sinn.
Darum hat ein Spruchdichter die Worte:
"Der klare Sinn
erscheint dunkel.
Der Sinn des Fortschritts erscheint als Rückzug.
Der
ebene Sinn erscheint rauh.
Das höchste Leben erscheint als Tal.
Die
höchste Reinheit erscheint als Schmach.
Das weite Leben erscheint als
ungenügend.
Das starke Leben erscheint verstohlen.
Das wahre Wesen
erscheint veränderlich.
Das große Geviert hat keine Ecken.
Das große Gerät
wird spät vollendet.
Der große Ton hat unhörbaren Laut.
Das große Bild hat
keine Form."
Der Sinn in seiner Verborgenheit ist ohne Namen.
Und doch ist
gerade der Sinn gut
im Spenden und Vollenden.

Kapitel
42
Der Sinn erzeugt die Eins.
Die Eins erzeugt die Zwei.
Die
Zwei erzeugt die Drei.
Die Drei erzeugt alle Dinge.
Alle Dinge haben im
Rücken das Dunkle
und streben nach dem Licht,
und die strömende Kraft gibt
ihnen Harmonie.
Was die Menschen hassen,
ist Verlassenheit, Einsamkeit,
Wenigkeit.
Und doch wählen Fürsten und Könige
sie zu ihrer
Selbstbezeichnung.
Denn die Dinge werden
entweder durch Verringerung
vermehrt
oder durch Vermehrung verringert.
Was andre lehren, lehre ich
auch:
"Die Starken sterben nicht eines natürlichen Todes".
Das will ich
zum Ausgangspunkt meiner Lehre machen.
Kapitel
43
Das Allerweichste auf Erden
überholt das Allerhärteste auf
Erden.
Das Nichtseiende dringt auch noch ein in das,
was keinen
Zwischenraum hat.
Daran erkennt man den Wert des Nicht-Handelns.
Die
Belehrung ohne Worte, den Wert des Nicht-Handelns
erreichen nur wenige auf
Erden.
Kapitel
44
Der Name oder die Person:
was steht näher?
Die Person oder
der Besitz:
was ist mehr?
Gewinnen oder verlieren:
was ist
schlimmer?
Nun aber:
Wer sein Herz an andres hängt,
verbraucht
notwendig Großes.
Wer viel sammelt,
verliert notwendig Wichtiges.
Wer
sich genügen lässt,
kommt nicht in Schande.
Wer Einhalt zu tun
weiß,
kommt nicht in Gefahr
und kann so ewig dauern.
Kapitel 45
Große Vollendung muß wie unzulänglich erscheinen,
so wird sie
unendlich in ihres Wirkung.
Große Fülle muß wie strömend erscheinen,
so
wird sie unerschöpflich in ihrer Wirkung.
Große Geradheit muß wie krumm
erscheinen.
Große Begabung muß wie dumm erscheinen.
Große Beredsamkeit muß
wie stumm erscheinen.
Bewegung überwindet die Kälte.
Stille überwindet die
Hitze.
Reinheit und Stille sind der Welt Richtmaß.

Kapitel
46
Wenn der Sinn herrscht auf Erden,
so tut man die Rennpferde
ab zum Dungführen.
Wenn der Sinn abhanden ist auf Erden,
so werden
Kriegsrosse gezüchtet auf dem Anger.
Es gibt keine größere Sünde als viele
Wünsche.
Es gibt kein größeres Übel als kein Genüge kennen.
Es gibt keinen
größeren Fehler als haben wollen.
Darum:
Das Genügen der Genügsamkeit ist dauerndes
Genügen.
Kapitel
47
Ohne aus der Tür zu gehen,
kennt man die Welt.
Ohne aus
dem Fenster zu schauen,
sieht man den Sinn des Himmels.
Je weiter einer
hinausgeht,
desto geringer wird sein Wissen.
Darum braucht der Berufene nicht zu gehen
und weiß doch
alles.
Er braucht nicht zu sehen
und ist doch klar.
Er braucht nichts
zu machen
und vollendet doch.
Kapitel
48
Wer das Lernen übt, vermehrt täglich.
Wer den Sinn übt,
vermindert täglich.
Er vermindert und vermindert,
bis er schließlich
ankommt beim Nichtsmachen.
Beim Nichtsmachen bleibt nichts ungemacht.
Das
Reich erlangen kann man nur,
wenn man immer frei bleibt von
Geschäftigkeit.
Die Vielbeschäftigten sind nicht geschickt,
das Reich zu
erlangen.

Kapitel
49
Der Berufene hat kein eigenes Herz.
Er macht das Herz der
Leute zu seinem Herzen.
Zu den Guten bin ich gut,
zu den Nichtguten bin
ich auch gut;
denn das Leben ist die Güte.
Zu den Treuen bin ich
treu,
zu den Untreuen bin ich auch treu;
denn das Leben ist die
Treue.
Der Berufene lebt in der Welt ganz still
und macht sein Herz für
die Welt weit.
Die Leute alle blicken und horchen nach ihm.
Und des
Berufene nimmt sie alle an als seine Kinder.
Kapitel
50
Ausgehen ist Leben, eingehen ist Tod.
Gesellen des Lebens
gibt es drei unter zehn,
Gesellen des Todes gibt es drei unter
zehn.
Menschen, die leben
und dabei sich auf den Ort des Todes
zubewegen,
gibt es auch drei unter zehn.
Was ist der Grund davon?
Weil
sie ihres Lebens Steigerung erzeugen wollen.
Ich habe wohl gehört, wer gut
das Leben zu führen weiß,
der wandert über Land
und trifft nicht Nashorn
noch Tiger.
Er schreitet durch ein Heer
und meidet nicht Panzer und
Waffen.
Das Nashorn findet nichts, worein es sein Horn bohren kann.
Der
Tiger findet nichts,
darein er seine Krallen schlagen kann.
Die Waffe
findet nichts, das ihre Schärfe aufnehmen kann.
Warum das?
Weil er keine
sterbliche Stelle hat.
Kapitel
51
Der Sinn erzeugt.
Das Leben nährt.
Die Umgebung
gestaltet.
Die Einflüsse vollenden.
Darum ehren alle Wesen den Sinn
und
schätzen das Leben.
Der Sinn wird geehrt,
das Leben wird geschätzt
ohne
äußere Ernennung, ganz von selbst.
Also: der Sinn erzeugt, das Leben nährt,
läßt wachsen,
pflegt,
vollendet, hält,
bedeckt und schirmt.
Kapitel
52
Die Welt hat einen Anfang,
das ist die Mutter der
Welt.
Wer die Mutter findet,
um ihre Söhne zu kennen,
wer ihre Söhne
kennt
und sich wieder zur Mutter wendet,
der kommt sein Leben lang nicht
in Gefahr.
Wer seinen Mund schließt
und seine Pforten zumacht,
der
kommt sein Leben lang nicht in Mühen.
Wer seinen Mund auftut
und seine
Geschäfte in Ordnung bringen will,
dem ist sein Leben lang nicht zu
helfen.
Das Kleinste sehen heißt klar sein.
Die Weisheit wählen heißt
stark sein.
Wenn man sein Licht benutzt,
um zu dieser Klarheit
zurückzukehren,
so bringt man seine Person nicht in Gefahr,
Das heißt die
Hülle der Ewigkeit.
Kapitel
53
Wenn ich wirklich weiß, was es heißt,
im großen Sinn zu
leben,
so ist es vor allem die Geschäftigkeit,
die ich fürchte.
Wo die
großen Straßen schön und eben sind,
aber das Volk Seitenwege liebt;
wo die
Hofgesetze streng sind,
aber die Felder voll Unkraut stehen;
wo die
Scheunen ganz leer sind,
aber die Kleidung schmuck und prächtig ist;
wo
jeder ein scharfes Schwert im Gürtel trägt;
wo man heikel ist im Essen und
Trinken
und Güter im Überfluß sind:
da herrscht Verwirrung, nicht
Regierung.
Kapitel 54
Was gut gepflanzt ist, wird nicht ausgerissen.
Was gut
festgehalten wird, wird nicht entgehen.
Wer sein Gedächtnis Söhnen und Enkeln
hinterläßt,
hört nicht auf
Wer seine Person gestaltet, dessen Leben wird
wahr.
Wer seine Familie gestaltet, dessen Leben wird völlig.
Wer seine
Gemeinde gestaltet, dessen Leben wird wachsen.
Wer sein Land gestaltet,
dessen Leben wird reich.
Wer die Welt gestaltet, dessen Leben wird weit.
Darum: Nach deiner Person beurteile die Person des
andern.
Nach deiner Familie beurteile die Familie des andern.
Nach deiner
Gemeinde beurteile die Gemeinde der andern.
Nach deinem Land beurteile das
Land der andern.
Nach deiner Welt beurteile die Welt der andern.
Wie weiß
ich die Beschaffenheit der Welt?
Eben durch dies.
Kapitel
55
Wer festhält des Lebens Völligkeit,
der gleicht einem
neugeborenen Kindlein:
Giftige Schlangen stechen es nicht.
Reißende Tiere
packen es nicht.
Raubvögel stoßen nicht nach ihm.
Seine Knochen sind
schwach, seine Sehnen weich,
und doch kann es fest zugreifen.
Es weiß noch
nichts von Mann und Weib,
md doch regt sich sein Blut,
weil es des Samens
Fülle hat.
Es kann den ganzen Tag schreien,
und doch wird seine Stimme
nicht heiser,
weil es des Friedens Fülle hat.
Den Frieden erkennen heißt
ewig sein.
Die Ewigkeit erkennen heißt klar sein.
Das Leben mehren nennt
man Glück.
Für sein Begehren seine Kraft einsetzen nennt man stark.
Sind
die Dinge stark geworden, altern sie.
Denn, das ist Wider-Sinn.
Und
Wider-Sinn ist nahe dem Ende.
Kapitel
56
Der Wissende redet nicht.
Der Redende weiß nicht.
Man muß
seinen Mund schließen
und seine Pforten zumachen,
seinen ScharfSinn
abstumpfen,
seine wirren Gedanken auflösen,
sein Licht mäßigen,
sein
Irdisches gemeinsam machen.
Das heißt verborgene Gemeinsamkeit (mit dem
Sinn).
Wer die hat, den kann man nicht beeinflussen durch Liebe
und kann
ihn nicht beeinflussen durch Kälte.
Man kann ihn nicht beeinflussen durch
Gewinn
und kann ihn nicht beeinflussen durch Schaden.
Man kann ihn nicht
beeinflussen durch Herrlichkeit
und kann ihn nicht beeinflussen durch
Niedrigkeit.
Darum ist er der Herrlichste auf Erden.
Kapitel
57
Zur Leitung des Staates braucht man Regierungskunst,
zum
Waffenhandwerk braucht man
außerordentliche Begabung.
Um aber die Welt zu
gewinnen,
muß man frei sein von Geschäftigkeit.
Woher weiß ich, daß es
also mit der Welt steht?
Je mehr es Dinge in der Welt gibt, die man nicht tun
darf,
desto mehr verarmt das Volk.
Je mehr die Menschen scharfe Geräte
haben,
desto mehr kommen Haus und Staat ins Verderben.
Je mehr die Leute
Kunst und Schlauheit pflegen,
desto mehr erheben sich böse Zeichen.
Je
mehr die Gesetze und Befehle prangen,
desto mehr gibt es Diebe und
Räuber.
Darum spricht ein Berufener:
Wenn wir nichts machen,
so
wandelt sich von selbst das Volk.
wenn wir die Stille lieben,
so wird das
Volk von selber recht.
Wenn wir nichts unternehmen,
so wird das Volk von
selber reich.
Wenn wir keine Begierden haben,
so wird das Volk von selber
einfältig.
Kapitel
58
Wessen Regierung still und unaufdringlich ist,
dessen Volk
ist aufrichtig und ehrlich.
Wessen Regierung scharfSinnig und stramm
ist,
dessen Volk ist hinterlistig und unzuverlässig.
Das Unglück ist's,
worauf das Glück beruht;
das Glück ist es, worauf das Unglück lauert.
Wer
erkennt aber, daß es das Höchste ist,
wenn nicht geordnet wird?
Denn sonst
verkehrt die Ordnung sich in Wunderlichkeiten,
und das Gute verkehrt sich in
Aberglaube.
Und die Tage der Verblendung des Volkes
dauern wahrlich
lange.
Also auch der Berufene:
Er ist Vorbild, ohne zu
beschneiden,
er ist gewissenhaft, ohne zu verletzen,
er ist echt, ohne
Willkührlichkeiten,
er ist licht, ohne zu blenden.
Kapitel
59
Bei der Leitung der Menschen und beim Dienst des Himmels
gibt
es nichts Besseres als Beschränkung.
Denn nur durch Beschränkung
kann man
frühzeitig die Dinge behandeln.
Durch frühzeitiges Behandeln des
Dinge
sammelt man doppelt die Kräfte des Lebens.
Durch diese verdoppelten
Kräfte des Lebens
ist man jeder Lage gewachsen.
Ist man jeder Lage
gewachsen,
so kennt niemand unsere Grenzen.
Wenn niemand unsere Grenzen
kennt,
können wir die Welt besitzen.
Besitzt man die Mutter der
Welt,
so gewinnt man ewige Dauer.
Das ist der Sinn der tiefen
Wurzel,
des festen Grundes,
des ewigen Daseins
und des dauernden
Schauens.
Kapitel
60
Ein großes Land muß man leiten,
wie man kleine Fischlein
brät.
Wenn man die Welt verwaltet nach dem Sinn,
dann gehen die
Abgeschiedenen nicht als Geister um.
Nicht, daß die Abgeschiedenen keine
Geister wären,
doch ihre Geister schaden den Menschen nicht.
Nicht nur die
Geister schaden den Menschen nicht:
auch der Berufene schadet ihnen
nicht.
Wenn nun diese beiden Mächte einander nicht verletzen,
so
vereinigen sich ihre LebensKRÄFTE in ihrer Wirkung.
Kapitel
61
Indem ein großes Reich sich stromabwärts hält,
wird es die
Vereinigung der Welt.
Es ist das Weibliche der Welt.
Das Weibliche siegt
immer
durch seine Stille über das Männliche.
Durch seine Stille hält es
sich unten.
Wenn so das große Reich sich unter das kleine stellt,
so
gewinnt es dadurch das kleine Reich.
Wenn das kleine Reich sich unter das
große stellt,
so wird es dadurch von dem großen Reich gewonnen.
So wird
das eine dadurch, daß es sich unten hält, gewinnen,
und das andere dadurch,
daß es sich unten hält, gewonnen.
Das große Reich will nichts anderes
als
die Menschen vereinigen und nähren.
Das kleine Reich will nichts
anderes
als sich beteiligen am Dienst der Menschen.
So erreicht jedes, was
es will;
aber das große muß unten bleiben.
Kapitel
62
Der Sinn ist aller Dinge Heimat,
der guter Menschen
Schatz,
der nichtguten Menschen Schutz.
Mit schöne Worten kann man zu
Markte gehen.
Mit ehrenhaftem Wandel
kann man sich vor andern
hervortun.
Aber die Nichtguten unter den Menschen,
warum sollte man die
wegwerfen?
Ob man auch Zepter von Juwelen hätte,
um sie im feierlichem
Viererzug zu übersenden,
nicht kommt das des Gabe gleich,
wenn man diesen
Sinn
auf seinen Knien dem Herrscher darbringt.
Warum hielten die Alten
diesen Sinn so wert?
Ist es nicht deshalb, daß es von ihm heißt:
"Wer
bittet, der empfängt;
wer Sünden hat, dem werden sie vergeben"?
Darum ist
er das Köstlichste auf Erden.
Kapitel
63
Wer das Nichthandeln übt,
sich mit Beschäftigungslosigkeit
beschäftigt,
Geschmack findet an dem, was nicht schmeckt:
der sieht das
Große im Kleinen und das Viele im Wenigen.
Er vergilt Groll durch
Leben.
Plane das Schwierige da, wo es noch leicht ist !
Tue das Große da,
wo es noch klein ist !
Alles Schwere auf Erden beginnt stets als
Leichtes.
Alles Große auf Erden beginnt stets als Kleines.
Darum: Tut der Berufene nie etwas Großes,
so kann es seine
großen Taten vollenden.
Wer leicht verspricht,
hält sicher selten
Wort.
Wer vieles leicht nimmt,
hat sicher viele Schwierigkeiten.
Darum:
Bedenkt der Berufene die Schwierigkeiten,
so hat er nie Schwierigkeiten.

Kapitel
64
Was noch ruhig ist, läßt sich leicht ergreifen.
Was noch
nicht hervortritt, läßt sich leicht bedenken.
Was noch zart ist läßt sich
leicht zerbrechen.
Was noch klein ist läßt sich leicht zerstreuen.
Man muß
wirken auf das, was noch nicht da ist.
Man muß ordnen, was noch nicht in
Verwirrung ist.
Ein Baum von einem Klafter Umfang
entsteht aus einem
haarfeinem Hälmchen.
Ein neun Stufen hoher Turm
entsteht aus einem
Häuflein Erde.
Eine tausend Meilen weite Reise
beginnt vor deinen
Füßen.
Wer handelt, verdirbt es.
Wer festhält, verliert es.
Also auch der Berufene:
Er handelt nicht, so verdirbt er
nichts.
Er hält nicht fest, so verliert er nichts.
Die Leute gehen an ihre
Sachen,
und immer wenn sie fast fertig sind,
so verderben sie es.
Das
Ende ebenso in acht nehmen wie den Anfang,
dann gibt es keine verdorbenen
Sachen.
Also auch der Berufene:
Er wünscht Wunschlosigkeit.
Er
hält nicht wert schwer zu erlangende Güter.
Er lernt das Nichtlernen.
Er
wendet sich zu dem zurück, an dem die Menge vorüber geht.
Darum fördert er
den natürlichen Lauf der Dinge
und wagt nicht zu handeln.
Kapitel
65
Die vor alters tüchtig waren
im Walten nach dem
Sinn,
taten es nicht durch Aufklärung des Volkes,
sondern dadurch, daß sie
das Volk töricht hielten.
Daß das Volk schwer zu leiten ist,
kommt daher,
daß es zuviel weiß.
Darum: Wer durch Wissen den Staat leitet,
ist der Räuber des
Staats.
Wer nicht durch Wissen den Staat leitet,
ist das Glück des
Staats.
Wer diese beiden Dinge weiß, der hat ein Ideal.
Immer dies Ideal
zu kennen, ist verborgenes Leben.
Verborgenes Leben ist tief,
weitreichend,
anders als alle Dinge;
aber zuletzt bewirkt es das große
Gelingen.
Kapitel
66
Daß Ströme und Meere Könige alles Bäche sind,
kommt daher,
daß sie sich gut unten halten können.
Darum sind sie die Könige aller
Bäche.
Also auch der Berufene:
Wenn er über seinen Leuten stehen
will,
so stellt es sich in seinem Reden unter sie.
Wenn er seinen Leuten
voran sein will,
so stellt es sich in seiner Person hintan.
Also
auch:
Er weilt in der Höhe,
und die Leute werden durch ihn nicht
belastet.
Er weilt am ersten Platze,
und die Leute werden von ihm nicht
verletzt.
Also auch:
Die ganze Welt ist willig, ihn voranzubringen,
und
wird nicht unwillig.
Weil er nicht streitet,
kann niemand auf der Welt mit
ihm streiten.
Kapitel
67
Alle Welt sagt, mein Sinn sei zwar groß,
aber sozusagen
unbrauchbar.
Gerade weil er groß ist,
deshalb ist er sozusagen
unbrauchbar.
Wenn er brauchbar wäre,
so wäre er längst klein
geworden.
Ich habe drei Schätze,
die ich schätze und wahre.
Der eine
heißt: die Liebe;
der zweite heißt: die Genügsamkeit;
der dritte heißt:
nicht wagen, in des Welt voranzustehen.
Durch Liebe kann man mutig
sein,
durch Genügsamkeit kann man weitherzig sein.
Wenn man nicht wagt, in
der Welt voranzustehen,
kann man das Haupt der fertigen Menschen
sein.
Wenn man nun ohne Liebe mutig sein will,
wenn man ohne Genügsamkeit
weitherzig sein will,
wenn man ohne zurückzustehen vorankommen will:
das
ist der Tod.
Wenn man Liebe hat im Kampf
so siegt man.
Wenn man sie hat
bei der Verteidigung,
so ist man unüberwindlich.
Wen der Himmel retten
will,
den schützt er durch die Liebe.
Kapitel
68
Wer gut zu führen weiß,
ist nicht kriegerisch.
Wer gut zu
kämpfen weiß,
ist nicht zornig.
Wer gut die Feinde zu besiegen
weiß,
kämpft nicht mit ihnen.
Wer gut die Menschen zu gebrauchen
weiß,
der hält sich unten.
Das ist das Leben, das nicht streitet;
das
ist die Kraft, die Menschen zu gebrauchen;
das ist der Pol, der bis zum
Himmel reicht.

Kapitel
69
Bei den Soldaten gibt es un Wort:
Ich wage nicht, den Herrn
zu machen,
sondern mache lieber den Gast.
Ich wage nicht, einen Zoll
vorzurücken,
sondern ziehe mich lieber einen Fuß zurück.
Das heißt gehen
ohne Beine,
fechten ohne Arme,
werfen, ohne anzugreifen,
halten, ohne
die Waffen zu gebrauchen.
Es gibt kein größeres Unglück,
als den Feind zu
unterschätzen.
Wenn ich den Feind unterschätze,
stehe ich in Gefahr, meine
Schätze zu verlieren.
Wo zwei Armeen kämpfend aufeinanderstoßen,
da siegt
der, der es schweren Herzens tut.
Kapitel
70
Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen,
sehr leicht
auszuführen.
Aber niemand auf Erden kann sie verstehen,
kann sie
ausführen.
Die Worte haben einen Ahn.
Die Taten haben einen Herrn.
Weil
man die nicht versteht,
versteht man mich nicht.
Eben daß ich so selten
verstanden werde,
darauf beruht mein Wert.
Darum geht der Berufene im
härenen Gewand;
aber im Busen birgt er ein Juwel.
Kapitel
71
Die Nichtwissenheit wissen
ist das Höchste.
Nicht wissen,
was Wissen ist,
ist ein Leiden.
Nur wenn man unter diesem Leiden
leidet,
wird man frei von Leiden.
Daß der Berufene nicht leidet,
kommt
daher, daß er an diesem Leiden leidet;
darum leidet er nicht.
Kapitel
72
Wenn die Leute das Schreckliche nicht fürchten,
dann kommt
der große Schrecken.
Macht nicht eng ihre Wohnung
und nicht verdrießlich
ihr Leben.
Denn nur dadurch, daß sie nicht in der Enge leben,
wird ihr
Leben nicht verdrießlich.
Also auch der Berufene:
Er erkennt sich selbst, aber er will
nicht scheinen.
Er liebt sich selbst, aber er sucht nicht Ehre für
sich.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.

Kapitel
73
Wer Mut zeigt in Waghalsigkeiten,
der kommt um.
Wer Mut
zeigt, ohne waghalsig zu sein,
des bleibt am Leben.
Von diesen beiden hat
die eine Art Gewinn,
die andre Schaden.
Wer aber weiß den Grund
davon,
daß der Himmel einen haßt?
Also auch der Berufene:
Er sieht die Schwierigkeiten.
Des
Himmels Sinn streitet nicht
und ist doch gut im Siegen.
Er redet
nicht
und findet doch gute Antwort.
Er winkt nicht,
und es kommt doch
alles von selbst.
Er ist gelassen
und ist doch gut im Planen.
Des
Himmels Netz ist ganz weitmaschig,
aber er verliert nichts.
Kapitel
74
Wenn die Leute den Tod nicht scheuen,
wie will ich sie dann
mit dem Tode einschüchtern?
Wenn ich aber die Leute
beständig in Furcht
vor dem Tode halte,
und wenn einer Wunderliches treibt,
soll ich ihn
ergreifen und töten?
Wer traut sich das?
Es gibt immer eine Todesmacht,
die tötet.
Anstelle dieser Todesmacht zu töten, das ist,
wie wenn man
anstelle eines Zimmermanns
die Axt führen wollte.
Wer statt des
Zimmermanns
die Axt führen wollte,
kommt selten davon,
ohne das er sich
die Hand verletzt.
Kapitel
75
Daß das Volk hungert,
kommt davon her,
daß seine Oberen zu
viele Steuern fressen;
darum hungert es.
Daß das Volk schwer zu leiten
ist,
kommt davon her, daß seine Oberen zu viel machen,
darum ist es schwer
zu leiten.
Daß das Volk den Tod zu leicht nimmt,
kommt davon her,
daß
seine Oberen des Lebens Fülle zu reichlich suchen;
darum nimmt es den Tod zu
leicht.
Wer aber nicht um des Lebens willen handelt
der ist besser als
der, dem das Leben teuer ist.

Kapitel
76
Der Mensch, wenn er ins Leben tritt,
ist weich und
schwach,
und wenn er stirbt,
so ist er hart und stark.
Die Pflanzen,
wenn sie ins Leben treten,
sind weich md zart,
und wenn sie
sterben,
sind sie dürr und starr.
Darum sind die Harten und
Starken
Gesellen des Todes,
die Weichen und Schwachen
Gesellen des
Lebens.
Darum:
Sind die Waffen stark, so siegen sie nicht.
Sind
die Bäume stark, so werden sie gefällt.
Das Starke und Große ist
unten.
Das Weiche und Schwache ist oben.
Kapitel
77
Des Himmels Sinn, wie gleicht er dem Bogenspanner !
Das Hohe
drückt er nieder,
das Tiefe erhöht er.
Was zuviel hat, verringert
er,
Was nicht genug hat, ergänzt er.
Des Himmels Sinn ist es,
was
zuviel hat, zu verringern, was nicht genug hat, zu ergänzen.
Des Menschen
Sinn ist nicht also.
Er verringert, was nicht genug hat,
um es
darzubringen dem, das zuviel hat.
Wer aber ist imstande, das,
was er
zuviel hat, der Welt darzubringen?
Nur der, so den Sinn hat.
Also auch des Berufene:
Er wirkt und behält nicht.
Ist das
Werk vollbracht, so verharrt er nicht dabei.
Er wünscht nicht, seine
Bedeutung vor andern zu zeigen.
Kapitel
78
Auf der ganzen Welt
gibt es nichts Weicheres und Schwächeres
als das Wasser.
Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt,
kommt
nichts ihm gleich.
Es kann durch nichts verändert werden.
Daß Schwaches
das Starke besiegt
und Weiches das Harte besiegt,
weiß jedermann auf
Erden,
aber niemand vermag danach zu handeln.
Also auch hat ein Berufener gesagt:
"Wer den Schmutz des
Reiches auf sich nimmt,
der ist der Herr bei Erdopfern.
Wer das Unglück
des Reiches auf sich nimmt,
der ist der König der Welt."
Wahre Worte sind
wie umgekehrt.
Kapitel
79
Versöhnt man großen Groll
und es bleibt noch Groll
übrig,
wie wäre das gut?
Darum hält der Berufene sich an seine
Pflicht
und verlangt nichts von anderen.
Darum: Wer Leben hat,
hält sich an seine Pflicht,
Wer kein
Leben hat,
hält sich an sein Recht.
Kapitel
80
Ein Land mag klein sein
und seine Bewohner wenig.
Geräte,
die der Menschen Kraft vervielfältigen,
lasse man nicht gebrauchen.
Man
lasse das Volk den Tod wichtig nehmen
und nicht in die Ferne reisen.
Ob
auch Schiffe und Wagen vorhanden wären,
sei niemand, der darin fahre.
Ob
auch Panzer und Waffen da wären,
sei niemand, der sie entfalte.
Man lasse
das Volk wieder Stricke knoten
und sie gebrauchen statt der Schrift.
Mach
süß seine Speise
und schön seine Kleidung,
friedlich seine Wohnung
und
fröhlich seine Sitten.
Nachbarländer mögen in Sehweite liegen,
daß man den
Ruf der Hähne und Hunde
gegenseitig hören kann:
und doch sollen die Leute
im höchsten Alter sterben,
ohne hin und her gereist zu sein.
Kapitel
81
Wahre Worte sind nicht schön,
schöne Worte sind nicht
wahr.
Tüchtigkeit überredet nicht,
Überredung ist nicht tüchtig.
Der
Weise ist nicht gelehrt,
der Gelehrte ist nicht weise.
Du Berufene häuft
keinen Besitz auf.
Je mehr er für andere tut,
desto mehr besitzt er.
Je
mehr er anderen gibt,
desto mehr hat er.
Des Himmels Sinn ist fördern,
ohne zu schaden.
Des Berufenen Sinn ist wirken, ohne zu streiten.unchanging
Tao.
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